Ränke und Intrigen im Vatikan
- Montag, 13. Februar 2012 18:40
- von Guido Horst
Das Lancieren vertraulicher Dokumente aus dem Vatikan in die Öffentlichkeit hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Offenbar will man damit Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone schaden. Aber für Papst Benedikt ist das kein Grund, "seinen" Mann an der Spitze der "Zentralbehörde" in der römischen Kurie fallen zu lassen.
Der Schweizer Gardist in Zivil ist die Ruhe selbst. Keine Spur von aufgeregter Nervosität. Vorbei geht es an Räumfahrzeugen, die diesmal auch innerhalb des Vatikans Schneemassen zur Seite schieben mussten. Aber die Sonne lacht schon wieder und besorgt den Rest. Was wird eigentlich passieren, wenn überall in Italien der Schnee der letzten Tage schmilzt?
Mit dem Aufzug geht es hoch in den Apostolischen Palast. Wieder einmal ist für klare Sicht zu sorgen: Wie Nebelschwaden und starker Schneefall zugleich haben die irrwitzigsten Gerüchte und Nachrichten die Runde gemacht. Papst Benedikt habe noch zwölf Monate zu leben, meldeten selbst einige deutsche Medien. Mit letzter Kraft bemühe er sich, als Nachfolger den Kardinal von Mailand, Angelo Scola, auf den Papstthron zu heben. (Hoppla, was hätte denn dann noch ein Konklave zu tun?) Im Vatikan herrsche Chaos und Anarchie. Das vatikanische Bankinstitut mache dunkle Geschäfte wie eh und je und ein völlig verzweifelter Kardinalstaatssekretär wisse nicht mehr, wie er den Sauladen in den Griff bekommen kann. Jeden Tag verlassen neue vertrauliche Dokumente die Heiligen Hallen und sorgen für Schlagzeilen in den Zeitungen. Nicht nur in italienischen, aber dort vor allem. Und das ausgerechnet jetzt, wo die Kardinalserhebungen in einer Woche zusätzliche Aufmerksamkeit auf Rom ziehen werden.
Hier also das Ergebnis meiner Recherche und die gute Nachricht zuerst: Dem Papst geht es gut, von ernst zu nehmenden Erkrankungen - geschweige den Krebs - keine Spur. Aber der guten Nachricht muss auch gleich die schlechte folgen: Es gibt tatsächlich Löcher in der vatikanischen Verwaltung, und vor allem in der "Zentralbehörde", dem Staatssekretariat. Nicht jeder der Prälaten, die in der etwa 150 Mitarbeiter umfassenden ersten Sektion des Staatssekretariats arbeiten - welche für die "inneren Angelegenheiten" zuständig ist -, steht treu und loyal zum Papst. Und: Es gibt nicht einen Fall, eine Indiskretion, ein Informationsleck, sondern gleich drei Fälle, drei Indiskretionen, die sich in den vergangenen Wochen verquickt haben, die jedoch auseinanderzuhalten sind. Vor zwei Wochen wurden Klage-Briefe an die Öffentlichkeit gezerrt, die der ehemalige Sekretär des Governatorats, der Verwaltung des Vatikanstaats, und heutige Nuntius in Washington, Erzbischof Viganò, an den Papst und an Staatssekretär Bertone gesandt hatte. Briefe mit dem Eingangsstempel des Staatssekretariats, der Schreiber selber hatte sie nicht an die Journalisten gegeben. Dann landeten Anschuldigung gegen das vatikanische Bankinstitut in der italienischen Presse. Und nun ein angebliches Dossier über ein Mordkomplott gegen einen todkranken Papst. Zumindest letzteres hat sich als völlig haltlos erwiesen. Aber was war die Folge der ganzen Rumphantasiererei? In den Vereinigten Staaten ist der Prozess zum "Fall Murphy" jetzt mit einem klaren Sieg für den Vatikan ausgegangen. Wer erinnert sich noch? Der Missbrauchspriester Murphy war für führende amerikanische Zeitung Anfang 2010 ein Anlass, den Glaubenspräfekten Joseph Ratzinger, seinen Sekretär Tarcisio Bertone und den ehemaligen Staatssekretär Sodano persönlich in den Missbrauchsskandal hineinzuziehen, ja ihnen sogar den Prozess zu machen. Der Quatsch ist nun endgültig vom Tisch. Wer in Italien oder im Ausland hat das gemeldet? Fast niemand. Stattdessen dreht sich alles um die Ränkespiele im Vatikan. Ein Jammer! Es mag vatikanische Seilschaften geben, die Kardinal Bertone schaden wollen. Er steht jetzt als Staatssekretär da, der seinen Laden nicht im Griff hat und die undichten Stellen nicht stopfen kann. Aber eines ist sicher: Wegen solcher Intrigen lässt Benedikt XVI. seinen langjährigen Mitarbeiter nicht im Regen stehen. Ganz im Gegenteil. Wie man hört, hält der Papst jetzt erst recht an seinem Staatssekretär fest. Zumindest auf papa Ratzinger kann sich Bertone verlassen.
Dann also tanti auguri!
Ihr
Guido Horst



Offenbarung in Gips