Titelthema 2/2012

Es ist Karneval und ich bin Firmgruppenbegleiter

 

Es fing alles ganz harmlos an. Im letzten Herbst. Mitten in einem Wust von Prospekten, die ich vom Briefkasten direkt zum Altpapier tragen wollte, fiel mir ein gelber Flyer auf:  „Wir machen Ihnen und Ihrer Tochter/Ihrem Sohn ein Angebot . . .“ Mich packte die Neugierde und ich nahm die Offerte genauer unter die Lupe. Gott sei Dank! Es war die Einladung zur Firmung meines ältesten Sohnes. „Ein Angebot nicht nur an Ihre Tochter/Ihren Sohn, sondern an Ihre ganze Familie . . . Reden Sie mit Ihrer Tochter/Ihrem Sohn über das Angebot.“ Ich sage es meiner Frau ja immer wieder, wir sollten keine ungelesenen Prospekte wegwerfen.
Nachdem sich unser Sohn zur Firmung angemeldet hatte, ein neues Schreiben: „Ohne Sie läuft gar nichts! Wir brauchen Sie als Begleiterin/Begleiter für Jugendliche.“
Verlangt werden mindestens fünfzehn Stunden Zeitaufwand („wir spielen mit offenen Karten“), aber ansonsten „keine Sorge, Sie brauchen kein vorgegebenes Ziel erreichen“ und „keine religiösen Mindestanforderungen erfüllen.“ Mitbringen sollte man nur „sich selbst“.
Das müsste ich hinbekommen, dachte ich mir und jetzt bin ich Firmgruppenbegleiter. Beim ersten Einführungsabend gab uns ein mehrköpfiges Team (ohne Pfarrer) das nötige Rüstzeug mit auf den Weg. Erste Empfehlung: „Versuchen Sie nicht Glaubenswissen zu vermitteln und schlagen Sie nicht etwa bei Wikipedia unter dem Stichwort Heiliger Geist nach. Damit machen Sie sich bei den Jugendlichen unglaubwürdig. Glaubwürdig dagegen sind Sie, wenn Sie den Firmlingen von Ihren eigenen Glaubenszweifeln erzählen. Das macht Sie authentisch! Versuchen sie nicht den Religionslehrer zu spielen!“
Wie mit den Firmlingen über Glauben zu reden ist, steht ganz genau im ausgeteilten „Handbuch für Firmbegleiterinnen und Begleiter“: „Im Gespräch über den Glauben ist es wichtig, dass die jeweiligen Auffassungen und Sichtweisen geäußert werden dürfen. ‚So denkst du... und so ist es bei dir... und du weißt es noch nicht...‘ Als Firmbegleiterin legen Sie ihre eigene Sichtweise dazu – und Sie können auch die Auffassung der katholischen Kirche äußern unter der Überschrift: ‚ ...die katholische Kirche versteht das so... hat dieses Verständnis entwickelt...’ So wird Kommunikation möglich, von der die Jugendlichen und Sie selbst profitieren können.“
Ansonsten sollten wir den Firmunterricht vor allem mit Spielen gestalten. Was das mit Glauben zu tun hat? Beides geht nicht alleine. Aha, es geht also um gruppendynamische Aspekte. ICH-WIR-ES-Spielchen mit pubertierenden Jugendlichen.
Etwas verunsichert, suche ich zu Hause Hilfe im Internet. Unter www.kinder-jugend-forum.de hat Denise meine Frage schon gestellt: „Habt ihr Erfahrung mit Firmunterricht?“ Antwort von blubb: „Ich hatte mal Firmunterricht, aber da mussten wir kaum was machen. Wir mussten zu den Jugendgottesdiensten gehen und uns ein Projekt aussuchen, an dem wir teilnahmen. Projekte waren zum Beispiel eine Nachtwallfahrt, Backen mit Gehörlosen, Tontauben basteln.“
So komme ich auch nicht weiter. Und als Sexualkundelehrer eigne ich mich auch nicht, was der Pfarrer einer nahegelegenen Stadt im Interview mit unserer Tageszeitung vorgeschlagen hat. Sexualkundeunterricht sollte im Firmunterricht mitgemacht werden, weil es da bei den Jugendlichen so viele Defizite gebe. Andere Defizite dürfen aber nicht aufgearbeitet werden. In meiner Firmanleitung steht: Defizite in der Bußpraxis könnten durch den Firmunterricht nicht behoben werden. Irgendwie bin ich verwirrt. Wir stecken mitten im Karneval 2012 und an diesem Wochenende soll ich meine erste Stunde halten. Ich werde das Gefühl nicht los, als passe nicht nur der Aktionstag MASKEN (ganztägig!) aus dem Projektangebot für die Firmlinge in diese närrische Jahreszeit.
Für mich wird’s nun ernst:  Ich soll ein Kennenlern-Interview-Spiel mit Gummibären-Prämie veranstalten, dazu gibt’s einen Fang-den-Hut-Spielplan und Ereigniskarten („Was nervt dich an deinen Eltern am meisten?“). Die Gummibären-Prämie soll Anreiz sein, möglichst viele in der Runde zu befragen. „Das Spiel ist zu Ende, wenn die Gummibärentüte leer ist.“
Beim Erstkommunion-Unterricht vor fünf Jahren kamen mir die Spielchen noch nicht ganz so kindisch vor. Aber das ist lange her und man vergisst so schnell. Jedenfalls schreibt mein Sohn heute Mathematik-Arbeiten, vor denen ich kapitulieren muss, aber im Firmunterricht scheint mir das Anspruchsvollste noch das Kerzenbasteln zu sein. Jeder muss auf die Kerze seinen Namen schreiben, dies macht deutlich: Ich gehöre zu dieser Gruppe, ich bin wichtig!
Die zweite Gruppenstunde sollen wir im Freien abhalten, weil ein Ortswechsel die Gruppendynamik positiv beeinflusst. Wenn’s zu kalt ist, dürfen wir uns wieder in geheizten Räumen begegnen und Körperbilder erstellen. Einer legt sich auf einen Bogen Papier und der andere zeichnet seine Umrisse. Anschließend schreibt jeder seine Charaktereigenschaften in sein Körperbild. Die Körperbilder sollen später in der Kirche ausgestellt werden. Bei diesem zweiten Treffen kommen wir auch unserem Firmmotto „Feuer“ (das diesjährige Faschingsmotto in der Schule ist immerhin „Liebe“) schon näher: Wir sollen mit den Jugendlichen eine „feurige Speise“, zum Beispiel Chili con carne, zubereiten. So könne das innere Feuer symbolhaft zum Ausdruck kommen.
Bei der dritten Zusammenkunft wird es dann endlich auch um den Heiligen Geist gehen. Dabei dürfen wir den Jugendlichen aber nicht den Begriff Heiliger Geist näher erklären, „weil es sich bei diesem Wort um einen theologischen Fachbegriff handelt, dessen Wortbedeutung  (Geist) nicht unbedingt zur gemeinten Wirklichkeit führt“ (das ist jetzt wohl Unterricht für die Erwachsenen).
In einem Punkt ist der Firmunterricht jedenfalls auf der Höhe der Zeit. „Immer wieder Köche, nichts als Köche“, schimpfte einst Reich-Ranicki über das Fernsehprogramm. Und so ergeht es mir im Firmkurs. Wir müssen schon wieder die Küchenschürze anziehen. Pizza backen und einen Obstsalat zubereiten. Jeder bringt eine Frucht mit, damit im Zubereiten leibhaftig erfahrbar wird, dass der Beitrag jedes Einzelnen zum Gelingen wichtig ist. In einer Reflexionsrunde zum Schluss kann man dann sinnigerweise die Frage stellen: „Was geht mir durch den Bauch?“
Ich habe alles noch vor mir. Doch ich weiß, wir treffen uns mit den Firmlingen nach der Firmung noch einmal, um ein Abschiedsfest zu feiern. „Achten Sie dabei darauf, dass Sie als Firmbegleiter nicht den Party-Service übernehmen müssen.“
Ich glaube, ich werde auch darauf achten, nicht alles aus der Firmanleitung zu übernehmen. Und weil wir Firmgruppenbegleiter ja „ selbstverständlich freie Hand haben“, können wir auch Glaubenswissen weitergeben. Etwas, das zugegebenermaßen schwerer verdaulich ist als Obstsalat. Und mehr ist als eine Event-Vorbereitung, die zufälliger Weise in die Faschingszeit fällt.

Bernhard Müller

 

 

 

Die provinzielle Internationale

 

Wenn es quadratische Kreise gibt, globalen Chauvinismus und Filme mit dem Titel „Zurück in die Zukunft“, warum dann nicht auch eine Internationale des Provinzialismus? Das mag sich der frühere Wiener Generalvikar Helmut Schüller gedacht haben als er 2012 zum „Jahr der Internationalisierung“ der von ihm geführten „Pfarrer-Initiative“ erklärte. 2011 hatte er mit dem „Aufruf zum Ungehorsam“ den in der Weihe einst feierlich gelobten Gehorsam gegenüber dem eigenen Bischof polternd über Bord geworfen, die Bande zur Universalkirche gekappt. Aus Gewissensgründen sahen sich die rebellischen Pfarrer gezwungen, „selbständig tätig zu werden“, aus gewissen Gründen wurde dabei vor allem am Zölibat gerüttelt.
Kaum hatte man sich von der Last der Universalkirche und der Tradition befreit, konnte man frisch und fröhlich den breiten Weg in den Provinzialismus beschreiten: „durchreisende und ortsfremde Priester“ will man künftig nicht mehr am heimischen Altare sehen: „Besser ein selbstgestalteter Wortgottesdienst als liturgische Gastspielreisen“, und zwar auch an Sonn- und Feiertagen. Freilich, wenn die Gemeinde Minimundus sich selbst feiert und der pensionierte Herr Schullehrer wortreich das Fernsehprogramm vom Vorabend auslegt, dann würde ein durchreisender geweihter Pole oder Kroate nur stören. Hat der erst einmal die Altarstufen erklommen, erschreckt er die harmonische Gemeinde vielleicht gar mit katholischen Bekenntnissen oder erwähnt im Hochgebet Papst und Bischof! Universalkirche war gestern, Gemeindemief ist heute: Hat man Papst, Bischof und herumreisenden „ortsfremden Priestern“ einmal das Kirchenasyl aufgekündigt, kann die Gemeinde nicht nur neue Spielregeln aufstellen, sondern sich gleich selbst zum Glaubensinhalt aufschwingen. Das stärkt das Selbstbewusstsein. In einem gemeinsamen Papier mit vier anderen „Reformbewegungen“ formulierten die Rebellenpfarrer theologisch keck: „Die Gemeinde, die sich im Namen Jesu versammelt, ist Trägerin der Eucharistiefeier… Die Gemeinde bestimmt, wer sie leitet und der Eucharistiefeier vorsteht.“ Viel deutlicher kann man dem Katholischen kaum „Adieu!“ sagen.
Doch es scheint Schüller & Co nicht zu genügen, in ihren Gemeinden nach der eigenen Facon selig werden zu dürfen und via gebührenfinanziertem Staatsfernsehen ORF die österreichweite Deutungshoheit über die Kirchenreformthemen erobert zu haben. Heute gehört uns Probstdorf und morgen die ganze Welt! Zu ideologischen Gastspielreisen sind die alpenländischen Rebellenpfarrer offenbar auch als Ortsfremde höchst bereit. An ihrem Unwesen soll nun die globale Kirchenwelt genesen: „Ich glaube, dass wir hier eine Art Zukunftslabor sind“, meint Pfarrer Schüller selbstbewusst. Spannend bleibt, wann die Kirche detonationssichere Wände und Schallschutztüren einbaut, damit Explosionen im Zukunftslabor nicht die Statik des ganzen Hauses gefährden.

Stephan Baier

 

 

Von der Jakobsleiter zur Kletterhalle

 

Dass sich eine kulturelle Epoche dem Ende zuneigt, wird man spätestens dann gewahr, wenn die tragenden und typischen Gebäude, die diese Epoche geprägt haben, nicht mehr recht genutzt werden. In Revolutionen werden Schlösser und Kirchen gerne anderen Nutzungen zugeführt. Bei langsamerem Wandel stehen sie erst leer und werden später Museum. Exemplarisch finden wir dies zum Beispiel bei Förderhäusern des Bergbaus, Bauernhöfen einer Landschaft ohne Landwirtschaft oder ehemaligen Speicherhäusern der Binnen- oder Meereshäfen, in denen sich heute schnieke Wohnungen, Gaststätten oder Kleinkunstbühnen eingenistet haben. Musealisierung oder Umwidmung sind die beiden Kompensationsmomente, mit denen man einer historischen Bausubstanz Herr werden will, die sich überlebt zu haben scheint. Wenn eine kulturelle Epoche gestorben ist, dann bringt man sie ins Museum, damit man sich dort zumindest ihrer erinnert. Die gotische Madonna wird ausgestellt, damit man sie anschaut. Aber es brennt keine Kerze der Verehrung mehr vor ihr. Antike Waschmaschinen oder Futtertröge werden mit Geranien bepflanzt und im Vorgarten mittelständischer Einfamilienhäuser aufgestellt. Musealisierung ist daher immer ein Indikator für die Tötung von etwas Lebendigem. Die Gegenstände hinter Vitrinenglas oder die entkernten und umgewidmeten Gebäude stufen das Lebendige zum Historischen zurück. Sie können allenfalls von dem erzählen, was einmal lebendig war. Aber sie können ihm nicht neues Leben einhauchen. In diesem Zusammenhang ist Musealisierung immer ein kultureller Rückschritt, eine Kapitulation vor dem Gang der Dinge, der es halt anders haben wollte.
Seit einiger Zeit hat dieser Sog der Uneigentlichkeit auch die Kirche erreicht. Mit geschmäcklerischer und ahnungsloser Beflissenheit wendet das kirchliche Establishment jenen Generalfehler kultureller Verschlimmbesserung auch auf die Kulträume an und sorgt dafür, dass Kirchengebäude, die in der entchristlichten Gesellschaft  überflüssig geworden sind, nicht verschwinden, sondern fein säuberlich neuen „Nutzungen“ zugeführt werden, so als könne man die Großmutter dadurch noch ein wenig nützlich sein lassen, indem man sie nach ihrem Tod ausstopft. Multifunktionale City- oder Jugend- oder Pfarrkirchen mit Büro, Bücherei, Gruppenraum und Kultecke ja sogar der Umbau zu Kletterhallen werden derzeit stolz in rückschrittsfreudiger Fortschrittgläubigkeit als „neue Nutzung“  präsentiert. Fortan belügen die potemkinschen Kirchenfassaden die Welt, indem sie suggerieren, die Talkrunden, Konzerte, Dichterlesungen oder Lichtinstallationen, die hinter ihnen nun stattfinden, seien von demselben Belang – ja vielleicht sogar noch von höherem –, wie das kultische Geschehen, dessentwegen sie einst errichtet, geweiht und damit allem Profanen entzogen wurden – eine kulturelle Mimikry, die den Ort des Kultes, der Anwesenheit des lebendigen Gottes, zurückstuft zum Ort des bloßen Verweises, die das Zweckfreie verzweckt. Aber wen kann das wundern, nachdem die Leiter, auf der Jakob die Engel Gottes auf und niedersteigen sah (vgl. Gen 28,12) und die in der Kultfeier unserer Kirchen aufgerichtet war, damit wir auf ihr dem anwesenden Gott näher kommen konnten, schon lange entfernt ist.

Guido Rodheudt

 

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  • Kreuzritterorden.com

    Geschrieben am 2012-02-26 20:45:42

    Die Kreuzritter fragen an, wo man dieses Vatican Magazin, Tietel "Karneval in der Una Sancta Catholica" beziehen kann.

    Mit freundlichen Grüßen

    www.kreuzritterorden.com