Alexander Kisslers Hausrezepte 2/2012
Mir nach, spricht Norbert, euer Held
Ach, wenn ich nur einen Tag lang Norbert Lammert wäre. Schöneres vermag ich mir nicht vorzustellen. An diesem Tag gäbe es keine Rätsel, keine Zweifel, kein Dazwischen und kein Vielleicht. Am Tag, an dem ich Norbert Lammert wäre, wüsste ich Bescheid und hielte damit nicht hinter dem Berg. Ich würde die Welt wissen lassen, wie sie gesunde.
Wo immer ich hin käme, wäre ich „hoher Besuch“. Ich wäre zweiter Mann im Staate, Bundestagspräsident. Jedes Gymnasium, jede Uni, jedes Rathaus, jede Kirche, jede Zeitung rollte mir den roten Teppich aus. Nicht, dass ich darauf Wert legte. Im Herzen bin ich trotz so großer Weisheit bescheiden geblieben und brav. Aber ein roter Teppich ist schön, wir Bochumer wissen, wo wir herkommen. Mein Vater war Bäcker.
Was immer ich redete – ich, der Präsident –, es wäre fein abgewogen, sanft ironisch und unmissverständlich. Ich redete sehr viel, die Leute fragen eben: Soll ich sie dumm lassen? Ich schulde es den Bürgerinnern und Bürgern, mein hohes Wissen zu teilen. Das nennt man Demokratie, und niemand weiß besser, was Demokratie ist. Überhaupt – das müsste ich bescheiden doch zugeben – weiß niemand irgendetwas besser als ich, der Präsident. Wäre ich es sonst geworden?
Auch der Papst war schon froh über einen Hinweis von mir, dem Präsidenten. Ich lud ihn ein in mein bescheidenes Haus, das man ein hohes nennt, weil ich darin den Vorsitz führe. Dort, im Parlament meines geliebten Vaterlandes, durfte Benedikt XVI. lernen, dass das Heilige Römische Reich Deutscher Nation „schon gar nicht heilig“ war. Ja, man sieht eben oft nicht genau hin und plappert. Das ist meine Sache nicht. Der Papst hörte sichtlich ergriffen, wie der Präsident im Namen der „vielen Menschen in Deutschland“ – also in meinem eigenen – von ihm einen „unübersehbaren Schritt zur Überwindung der Kirchenspaltung“ einforderte.
Auch da weiß ich genau, wovon ich rede. Bochum ist ökumenisch gesinnt, ich selbst habe das Vaterunser und verstaubte Messtexte ins Deutsche übertragen. Ja, das tat ich gerne, zwischen zwei wichtigen Interviews zur Kulturpolitik und zur Schuldenbremse. Meine Kirche liegt mir am Herzen. Ich tat es, um diese seltsamen Texte „über ihre Verschleißeffekte hinwegzuheben“. Einer muss es tun.
Ich, der Präsident, bekam einmal einen Lutherzwerg geschenkt. Das war frech – hätte es ein Riese nicht auch getan? Gefreut hat sie mich aber sehr, diese Gabe aus dem Volke. Es wäre Zeit für eine Reformation, denke ich manchmal heimlich vor Publikum, die einen neuen Luther in diese simple katholische Kirche hineinbrächte. Ihr gilt meine Steuerpflicht ganz unverbrüchlich, auch der hohe Bürger ist Staatsbürger. Die Protestanten sind in allem aber der Papstkirche voraus, da gibt es mehr Frauen, mehr Freiheit, mehr Kondome. Zeit, dass sich was dreht, denke ich mir abends nach dem Spätinterview, Zeit für einen neuen Papst. Ist dieser Bayer nicht eine Zumutung? Kein Preuße ist er, nicht einmal echter Deutscher. Warum hat nicht er das Paternoster verdeutscht? Meines wurde schon vertont. „Dein Reich kommt, wenn dein Wille geschieht, auch auf Erden.“ Alles bleibt an mir hängen.
Ich, der Präsident, bin ein protestantisch fühlender Katholik. Ich setze auf die Basis, dass sie abendmahlt, bis sich die Tische biegen. Die Basis möge los von Rom jetzt ziehen. Mir nach, spricht Norbert, euer Held. Deutsche, hört ihr die Signale? Ach, sie hören nicht. Morgen werde ich es in einem kleinen Frühinterview klar stellen: Der Papst ist auch nur Mensch, Dummheit ist keine Schande. Ich werde es erklären.
Dann wäre er vorbei, der Tag, an dem ich Präsident war. Ich hätte die Welt einmal ganz und gar begriffen, ich hätte sie ja gemacht. Wenn ich Norbert Lammert wäre.
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Der Träumer
Geschrieben am 2012-02-23 14:43:13
Da freuen wir uns aber nun mal grenzenlos, dass Herr Dr. Kissler nur fleißiger Kolümchenschreiber im Internet und frommer Beifallklatscher des Herrn Modebach ist und eben nicht Dr. Lammert. Es sind halt schon unterschiedliche Formate, dieses weiter zu erläutern allerdings wäre für Herrn Dr. Kissler eher unvorteilhaft
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Geschrieben am 2012-02-15 07:26:08
"Auch der Papst war schon froh über einen Hinweis von mir, dem Präsidenten. "
feine, dem Anlaß entsprechende, beißende Ironie über das Selbstverständnis der TKK (teutonische kathokische Kirche).
-und die Charakterstudie eines Mannes ohne erkennbaren Selbstzweifel.
köstlich zu lesen, danke ╬


